Persönlichkeit- Burnout - Gesellschaft

 
 

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Wir haben typische Erfahrungen und Symptome bei Burnout beschrieben.

Wir haben wir die Ursachen von Burnout aus der Sicht der Persönlichkeitspsychologie und Sozialpsychologie beleuchtet.

Auf dieser Seite gehen wir auf das Thema Persönlichkeitsentwicklung, Burnout und Gesellschaft ein.

Gesellschaftliche Werte und Rahmenbedingungen und Burnout

Wir müssen uns fragen, warum erst seit Ende der achtziger Jahre so viel über Stress und Burnout gesprochen wird? Hat Burnout in unserer Zeit tatsächlich zugenommen?

Erstmals brachte die Zeitschrift "Psychologie heute" in der Oktoberausgabe 1987 das Thema mit einem Artikel über "innere Kündigung" in eine breite Öffentlichkeit.(1.) In den Lehrbüchern der Psychiatrie und Klinischen Psychologie sucht man  in den achtziger Jahren noch vergeblich nach dem Begriff "Burnout". Dagegen gab es damals schon die  "Erschöpfungsdepression", die auch eine depressive Störung durch lang andauernden Arbeitsstress umfassen kann. Vielleicht hat sich an der Lebenswirklichkeit nichts geändert, vielleicht gibt es in der heutigen Zeit auch nicht mehr Stress durch die Arbeit als früher? Vielleicht ist das seelische Problem, das früher mit "Erschöpfungsdepression" bezeichnet wurde und über das man weniger gesprochen hat, in den letzten Jahren nur durch das Wort "Burnout" ersetzt worden? Dann hätte es immer schon viele Menschen gegeben, die durch die Arbeitsbedingungen und eine spezifische Disposition ihrer Persönlichkeit seelisch krank wurden. Denn über Burnout kann man heute leichter öffentlich sprechen als über Depressionen.

Überfordernde und unberechenbare Arbeitswelt

Wahrscheinlich ist aber, dass die seelische Belastung der Menschen durch Arbeit und Stress und Burnout immer mehr zunehmen - weil die Arbeitsbedingungen härter werden, weil die - auch globale - Konkurrenz zwischen den Unternehmen zunimmt und Arbeitsprozesse verdichtet werden. Selbst in den Behörden ändert sich die Arbeitswelt.

Wer seit Jahrzehnten in einer Kommune oder Behörde arbeitet, wird bestätigen, dass selbst die Städte immer mehr rationalisiert haben, Arbeitsprozesse immer schneller laufen und immer mehr Arbeit durch immer weniger Menschen verrichtet wird. Mit dem Wort "Multitasking" kann man treffend ausdrücken, was sich in der Arbeitswelt geändert hat: Viele Arbeitnehmer arbeiten heute  gleichzeitig an mehreren Aufgaben parallel, also gleichzeitig. Zum Beispiel ein Meister in einer Autowerkstatt: Er hat sich vorgenommen, ungelesene Emails zu bearbeiten, wird aber durch einen Kunden unterbrochen, zugleich ruft ihn ein Mechaniker aus der Werkstatt mit einem Problem, im selben Moment läutet das Telefon und ein weiterer Kunde fordert seine Aufmerksamkeit usw. Mulitasking ist enormer Stress für das Gehirn. - Außerdem wird von den Menschen gefordert, dass sie mobil und flexibel sind, dass sie zum Beispiel lange Anfahrtzeiten in Kauf nehmen und ihre Bedürfnisse den Zwängen der Arbeitswelt unterordnen.

Gleichzeitig sind viele Betriebe in Zeiten wirtschaftlicher Rezession betrieblichen Veränderungen, massiven Umstrukturierungen und Rationalisierungen ausgesetzt. Auch wenn sie sich noch so anstrengen, wissen viele Arbeitnehmer in solchen Zeiten nicht, wie lange sie noch in ihrem Betrieb arbeiten können. Man fühlt sich hilflos, hat keine Kontrolle über seine berufliche und wirtschaftliche Existenz. Dauern solche Zeiten existenzieller Unsicherheit, gepaart mit hohen Leistungsanforderungen, und der damit verbundene seelische Stress zu lange, kann die Daueranspannung krankhafte Prozesse, unter anderem das Burnout-Syndrom hervorrufen. - Verschärft werden die Probleme, wenn in Zeiten betrieblicher Veränderungen die Kommunikation zwischen der Unternehmensführung und den Arbeitnehmern schlecht ist. Viele Arbeitnehmer erhalten die Informationen über wichtigen Veränderungen in ihrem Betrieb aus der Zeitung oder anderen inoffiziellen Quellen, aber nicht von der Geschäftsführung. Solche Erfahrungen der Ignoranz und Gleichgültigkeit vergiften das Betriebsklima und schaden der Identifikation der Arbeitnehmer mit ihrem Betrieb. Die Arbeitsmotivation geht verloren, wenngleich der Leistungsdruck bestehen bleibt. Viele Arbeitnehmer/innen antworten hierauf mit innerer Kündigung und das Burnout-Risikao steigt.

Was sind unsere Werte?

Allgemein arbeiten die Menschen in der heutigen Zeit mit hohem Engagement.

Arbeit, Leistung, Effektivität, Flexibilität, Mobilität, Schnelligkeit, gesundheitliche Belastbarkeit, Steigerung und Wettbewerb sind die gesellschaftlichen Spitzenwerte.

Natürlich gehören hierzu auch die Werte Perfektion und permanente Einsatzbereitschaft, auch auf Kosten des Privatlebens und der Familie.

Selbst in das Bildungssystem ziehen diese Werte immer mehr ein. Schon Kleinstkinder bis zum 3. Lebensjahr sollen möglichst viel lernen und leisten und auf die Schule vorbereitet werden. Das Abitur sollten die Schüler in 12 statt in 13 Schuljahren schaffen. "Kinder in Bedrängnis" - so lautete die Überschrift in einem Leit-Artikel  des Spiegel-Magazins.

Der Aufschrei und Protest der meisten Eltern, Schüler und Lehrkräfte führte dazu, dass das Abitur mit 12 wieder rückgängig gemacht wurde.

Kinder sollen heute früher lesen, früher rechnen, früher Klavier spielen, früher Fremdsprachen lernen. In extremer Weise vertritt die Juraprofessorin Amy Chua diese pädagogisch fragwürdige Einstellung, um ihre Kinder mit Drill und Strenge zu musikalischen und anderen Hochleistungen  zu bringen. - Es scheint, dass sich die Werte und Strukturen unserer Bildungseinsrichtungen an erster Stelle nach den Forderungen wirtschaftlicher Interessenverbände ausrichten, die leistungsfähige und mit viel Wissen ausgestattete Schulabsoventen fordern - damit unsere Unternehmen durch gebildete und fähige Arbeitnehmer unseren wirtschaftlichen und technologischen Vorsprung im internationalen Wettbewerb halten. Weil das Potential unseres Landes nicht in den Rohstoffen, sondern in unserer Wissenschaft und unserem technologischen Wissen liege.

 

Was bleibt bei dieser Entwicklung auf der Strecke? Es ist das Zwischenmenschliche, die Solidarität, die sozialen Netzwerke, das Freizeitleben, die Erholung, die ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung.

Ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung

Ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung bedeutet: Ein Mensch ist intellektuell entwickelt, er besitzt Welt-Wissen, berufliche Kompetenzen, er ist diszipliniert, leistungsorientiert, er will gesellschaftlich etwas erreichen. Das ist die eine Seite der Persönlichkeit. Die andere Seite: in einem Menschen haben sich auch das Musische, das Kreative, das Emotionale, das Soziale, die Fähigkeit zu Mitgefühl (Liebe) und Empathie mit anderen Lebewesen, die Fähigkeit zu Meditation und Imagination entwicklelt. Ein ganzheitlicher Mensch hat Interessen, Werte und einen Lebensstil, die viel mehr als allein die Arbeitswelt umfassen. Ein ganzheitlich entwickelter Mensch nimmt nicht nur die Oberfläche der Welt durch die Brille von Leistung, Effektivität und gesellschaftlichen Stausdenkens wahr. Er schaut tiefer in das Wesen der Welt und der Menschen hinein. Ein ganzheitlicher Mensch vermag sich zu distanzieren von unmenschlichen Situationen, er bleibt nicht in emotional belastenden Situationen verhaftet, er kann emotional Abstand gewinnen. Es ist für die Bewältigung von Stress am Arbeitsplatz von großer Bedeutung, von belastenden beruflichen Erfahrungen Abstand nehmen zu können. Dieses kann eine ganzheitliche Persönlichkeit besser, als ein "leistungsorientierter beruflicher Kämpfertyp", der seine Arbeit, aber auch die Arbeitsbelastungen schwer loslassen kann - weil die Arbeit die Hauptorientierung seines Lebens ist. Ein ganzheitlich entwickelter Mensch aber gewinnt durch Freundschaften, Familie, Sport und musisch-kreative Interessen, Naturerfahrungen, Liebe zu Tieren, aber auch durch Meditation, Gebet und spirituelle Erfahrungen immer wieder Abstand von belastender Arbeit und schöpft hierdurch neue Lebensenergie - das ist die beste Burnout-Prävention! Ein ganzheitlicher Mensch kann auch das Leben einfach nur genießen - das brauchen besonders diejenigen, die viel beruflichen Stress erleben.

Auf der Strecke bleibt also bei einer einseitigen Fixierung auf die Forderungen der Arbeitswelt, auf Leistung, Wissen und gesellschaftlichen Status eine umfassendere Entwicklung der Interessen und Werte der Persönlichkeit. Dieses kann einen Lebensstil fördern, der sich allein an der Arbeitswelt ausrichtet - was längerfristig bei hohen beruflichen Belastungen die Gefahr bringt, seelisch durch andauernden Stress zu erkranken. Was hier nicht mehr stimmt, ist die Work-Life-Balance. Gefährdet sind nicht nur die Gesundheit, sondern auch die sozialen Beziehungen, die Partnerschaft und die Beziehung.

Familie und Beruf

Immer mehr Berufstätige erleben die zunehmenden Mobilitätsforderungen als Belastung, weil sie nicht mit den Anforderungen in der Familie und der Partnerschaft vereinbar sind. Der Psychotherapeut und Coach Werner Gross drückt es so aus: "Die ewige Liebe oder die lebenslange Partnerbindung wird für viele immer mehr zur Ausnahme. Manchmal wird die Beziehung sogar als Behinderung der Karriere erlebt. Das führt dazu, dass die Beziehungsstabilität sinkt, man leichter aufgibt und von Lebensabschnittspartner zu Lebensabschnittspartner torkelt." (Gross, S. 50, siehe Literatur unten!) Während besonders Führungskräfte im Betrieb alle Vorgänge aufmerksam registrieren, leiden sie an einer Art Betriebsblindheit, was ihre Familie und Beziehung angeht. Häufig solange, bis die Beziehung zerrüttet ist und ein Partner sein/ihr Glück in einer Außenbeziehung gesucht hat.

Bildungssystem und Burnout

Eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung wird in den Institutionen unseres Bildungssystems leider nicht gefördert, auch nicht an unseren Hochschulen. Die Umstrukturierung der Studiengänge in den letzten Jahren hat nur das Streben nach Leistungspunkten verstärkt. Ich kenne keine deutsche Hochschule, welche die "ganzheitliche" Persönlichkeitsentwicklung von Studenten zum Ziel hat. Der Begriff spielt in der Hochschuldiskussion keine Rolle. Es werden höchstens psychologische Hilfen bei Studienproblemen geboten. In der Schule führen Lernbereiche, die die ästhetisch-sinnliche, emotionale und psychosoziale Entwicklung fördern könnten,  - Kunst, Musik, Religion, Tanz und Theaterspiel - vielfach ein Schattendasein. Denn sie scheinen für die Wirtschaft keine Wichtigkeit zu haben. Mir ist keine Schule bekannt, in der Schüler systematisch psychologische Kompetenzen erwerben, z. B. angeleitet werden lernen, mit Stress, Belastung und ihren persönlichen Sorgen besser umzugehen. Wie sollte das auch möglich sein, wenn das im Lehrplan nicht vorgesehen ist, wenn das Vertrauen zwischen Lehrern und Schülern vielfach fehlt, wenn es kaum Beratungslehrkräfte gibt, wenn die Schule zu einer großen Lernfabrik verkommt, wenn sich in einer großen Schule selbst die Lehrkräfte kaum mit Namen kennen, wenn es nur einige wenige Schulsozialarbeiter/innen oder Schulpsychologinnen in einer Stadt gibt ?

Unser Bildungssystem aber, insbesondere die Gymnasien, fördern eher das Kognitive, die linkshemisphärische Aktivität, die "Kopflastigkeit". So werden diszipliniert-ehrgeizige Menschen herangezogen, die nach guten Noten streben, wettbewerbsorientiert sind, leistungsorientiert sind, aber einseitig in der Entwicklung ihrer Werte und Interessen sind.  Vermutlich sind durch diese Einseitigkeit der Pädagogik die empathisch-emotionale Kompetenzen, das Mitgefühl für andere und für sich selbst, bei Schülern viel zu wenig ausgeprägt. Die Kompetenz im Umgang mit emotionalem Stress ist bei vielen nicht gut entwickelt. Viele Schülerinnen und Schüler können selbst nur schwer mit schulischen und emotionalen Belastungen umgehen und erhalten kaum oder gar keine Unterstützung von Lehrkräften und Eltern. Die Einseitigkeit in der Förderung unserer Schülerinnen und Schüler und die Ignoranz ihren Bedürfnissen gegenüber zeigt sich daran, dass viele Jugendliche psychisch erkranken. Depressionen, Ängste und Schulunlust (auch Burnout ?) sind bei Schülern weit verbreitet, werden aber in der gesellschaftlichen Diskussion tabuisiert. Opfer sind nicht allein die Schüler - auch die Lehrer und Lehrerinnen, denn in kaum einer Berufsgruppe spielt das Burnout-Phänomen eine größere Rolle.

Viele  Schüler überstehen die Schule dennoch ganz gut. Wenn aus ihnen später dann ehrgeizige Berufstätige geworden sind, können sie die Karriereleiter Sprosse um Sprosse heraufsteigen. Wenn aber der Lebensstil einseitig auf Berufserfolg und gesellschaftlichen Status ausgerichtet ist, zehren die Jahre des Ehrgeizes und Engagements irgendwann an den Kräften. Dann sind diese Menschen emotional ausgebrannt, haben sie sich mit ihrer hohen Leistungsbereitschaft verausgabt. Noch schlimmer wird es, wenn fleißige, hochbegabte Arbeitnehmer mit einseitiger (linkshemisphärischer) Persönlichkeitsentwicklung in wirtschaftlichen Krisenzeiten die Erfahrung machen, dass sie trotz allen Ehrgeizes keine Kontrolle über die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes und über die wirtschaftliche Sicherheit ihres Lebens haben. Solche Erfahrungen begünstigen depressive Reaktionen. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, eine Lebensbilanz zu ziehen und die eindimensionale Wertestruktur, einen einseitigen Lebensstil und eine einseitige Entwicklung der Persönlichkeit einer kritischen Analyse zu unterziehen. Häufig erfolgt diese kritische Lebensbilanz im Rahmen einer Psychotherapie.

 

Gehirnfunktionen, Persönlichkeit und Burnout

Möglicherweise haben die heutigen Sozialisationsbedingungen noch tiefer gehende Auswirkungen auf die Persönlichkeit, indem sie die Funktionsweise unserer Hirnstrukturen beeinflussen.

Man kann das Thema "ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung" auch aus Sicht der empirischen Persönlichkeitspsychologie beleuchten. Insbesondere die PSI-Theorie, entwickelt von dem Persönlichkeitsforscher Prof. Julius Kuhl, gibt uns Hinweise, dass eine "ganzheitliche" Persönlichkeitsentwicklung für den Umgang mit Stress und Belastung wichtig ist. (PSI-Theorie ist die Abkürzung für Persönlichkeits-System-Interaktionstheorie)

Die PSI-Theorie erkennt in der Psyche u. a. zwei Funktionssysteme ("Teil-Persönlichkeiten"):

 

das bewusste Ich/ bewusstes Denken/Verstand

das Selbst

Merkmale: 

 

zweckbezogenes bewusstes Denken, Planung, bewusste  Absichten und Ziele, analytisches, sequentielles Denken, "entweder - oder" - Denken, bewusste Sprache, Kapazität der Informationsverarbeitung ist begrenzt, bei Problemen Neigung zum Katastrophen-Denken,                                             

eher von linker Hemisphäre unterstützt

Merkmale:                                  

unbewusste Tätigkeit, Speicherung aller Lebenserfahrungen, Fähigkeit zu kreativer und intuitiver Problemlösung, Parallelverarbeitung von Informationen und Problemen, Kontakt zu den "somatischen Markern" und körperlichen Quellen der Gefühle, Regulation und Verarbeitung von Ängsten, Aggressionen und anderen belastenden Gefühlen, Quelle von innerer Selbstsicherheit, Vertrauen und Erleben von Sinn,

eher von rechter Hemisphäre unterstützt

Aus der Sicht der Persönlichkeitsforschung (2.) kann  man sagen, dass bei ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung die eher von der linken Hemisphäre des Gehirns unterstützten Prozesse (Aktivitätsschwerpunkte sind das lineare Denken, die bewusste Sprache und das bewusste Streben) und die mehr von der rechten Hemisphäre unterstützten Prozesse (Aktivitätsschwerpunkte sind unbewusste kognitive und emotionale  Verarbeitungssprozesse und ganzheitliche-emotionale Bewertungen und Verarbeitung von Lebenserfahrungen, auch von seelischem Stress und verletzenden Erfahrungen) im Gleichgewicht zusammenarbeiten. Bei ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung ist keine der beiden o.g. Funktionssysteme dauernd dominant. Das erlaubt ein flexibles Reagieren je nach Situation. Es gibt Anforderungen, in denen der Verstand mehr gefordert wird (beim Lernen, bei kognitiven Problemlösungen, bei der Arbeit). In anderen ist mehr die rechte Hemisphäre, das Selbst, aktiviert: z. B. in der Entspannung, oder wenn wir in vertrauensvoller Beziehung offen über uns selbst mit einem anderen Menschen sprechen oder bei der Verarbeitung von emotionalen Belastungen, z. B. im Schlaf. Die Stress-Bewältigungskompetenz ist nicht optimal, wenn das bewusste Denken, das Ich, immer dominiert. Das erlaubt dem Ich zwar, bei Stress kurzfristig Abwehrmechanismen wie die Verdrängung einzusetzen. Die dauerhafte Verarbeitung und Integration emotional negativer Erfahrungen durch das Selbst in die Gesamtpersönlichkeit ist aber erschwert. Wenn Probleme durch das bewusste Ich nur verdrängt werden, sind sie noch nicht wirklich verarbeitet, sie werden nur verschleppt! Wer am Tage die Probleme zumeist verdrängt, bürdet der Nacht, dem Schlaf, eine übermäßige Menge an Arbeit auf: dann muss der Mensch es schaffen, vor allem in der Nacht, in der die rechte Hemisphäre dominiert, den "Seelenmüll" zu verarbeiten. Das könnte das Gehirn aber überfordern. Es ist zu erwarten, dass aufgrund der einseitigen Sozialisation bei disziplinierten, ziel-, leistungs- und wettbewerbsorientierten und "kopflastigen" Menschen eher die linkshemisphärischen Denkprozesse die Psyche bestimmen. Dem Leistungsmenschen gelingt zwar tagsüber das Verdrängen von seelischen Belastungen durch sein starkes Ich. Langfristig tut er sich aber hierdurch nichts Gutes. Denn die Probleme bleiben unverarbeitet, weil ihre Verarbeitung durch sein schwaches (wenig entwickeltes) Selbst in den Entspannungsphasen zu wenig gelingt. Die emotionalen Belastungen stauen sich auf, werden vielleicht durch Alkoholkonsum und andere Methoden betäubt, und zeigen sich bei langfristigen Stressbelastungen irgendwann in Krankheitssymptomen, unter anderem in Depressionen und Burnout.

Wenn das Selbst für die seelische Gesundheit so wichtig ist - wie finden wir mehr Zugang zum Selbst? Die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Träumen oder die Methode der Imagination sind zwei Methoden, die ich auf anderen Seiten dieses Webportals beschrieben habe. In dem Buch "Die Kraft aus dem Selbst" (siehe Literatur unten!) werden viele Methoden beschrieben, mehr das eigene Selbst zu entdecken und von den eigenen Kräften des Selbst zu profitieren.

Wir haben am Anfang den Bildungseinrichtungen ein großes Gewicht bei der Persönlichkeitsentwicklung gegeben. Auch die technologische Entwicklung muss beachtet werden. In der heutigen Zeit ist vermutlich einer der wichtigsten Faktoren für die psychische Entwicklung eines Kindes und Jugendlichen auch die Art des Umgangs mit dem Computer. Der Computer gehört schon zur Lebenswelt kleiner Kinder. Es müsste untersucht werden, in welcher Weise die häufige Nutzung des Computers die Persönlichkeitsentwicklung und die Hirnentwicklung beeinflusst. Es ist zu vermuten, dass sich die linke Gehirnhälfte durch den Computer mehr entwicklelt als die rechte Hemisphäre. Denn der Computer fordert Hirnleistungen, die eher die linke Hemisphäre anregen. Ein jahrelanger intensiver Gebrauch des PCs dürfte nicht ohne Einfluss auch die ganze Persönlichkeitsentwicklung bleiben. Es könnte sein, dass die seelische Belastbarkeit von Menschen zum Beispiel am Arbeitsplatz reduziert wird, weil sich das Gehirn im Verlauf der Entwicklung des Kindes und Jugendlichen auf die Lösung kognitiver Probleme spezialisiert hat, aber psychosozialen und emotionalen Belastungen gegenüber unzureichend reagiert. Das sind spannende Hypothesen, die nur durch umfassende aufwendige empirische Forschung in der Zukunft geprüft werden könnten.

Lesen Sie weiter:

Literaturangaben und Empfehlungen zur Vertiefung:

1.)"Innere Kündigung. Sollen doch mal andere ran!" In: Zeitschrift Psychologie heute, Oktober 1987

2.) Julius Kuhl, Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie. Motivation, Emotion und Selbststeuerung, 2010

3.)Maja Storch, Julius Kuhl, Die Kraft aus dem Selbst, 2012

4.) "Ausgebrannt. Das überforderte Ich". In: Der Spiegel Nr. 4/24.1.2011

5.) Werner Gross: "... aber nicht um jeden Preis. Karriere und Lebensglück. Kreuz Verlag 2010

6.) "Das überförderte Kind" - Leitartikel in "Der Spiegel" Nr. 42 vom 17.10 2011

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© 2010 Jürgen Bendszus, Dipl.-Pädagoge, berechtigt zur Psychotherapie (HPG)