3.) Die
gesellschaftlichen Rahmenbedingen und soziokulturellen
Werte beeinflussen die Betriebsstrukturen aber auch
Normen und Werte der Persönlichkeit der Arbeitnehmers.
In unser Zeit zählen die Starken und Leistungsfähigen.
Die Dominanz von Leistungswerten in unserer Gesellschaft
fördert Burnout und die Entwicklung weiterer seelischer
Beeinträchtigungen wie Ängste und psychosomatische
Erkrankungen. Wir gehen auf die hier beschriebenen
Faktoren nun näher ein.
1. Merkmale der Persönlichkeit und Burnout
Folgende Persönlichkeitstendenzen beeinträchtigen den
produktiven Umgang mit Stress und begünstigen Burnout:
|
Perfektionismus
|
Pessimistische Sicht des Lebens
|
geringes
Selbstwertgefühl
|
Regulierung
von Nähe und Distanz gelingt nicht gut |
|
Übermäßiges
Kontrollverlangen
|
Typ A
Persönlichkeit
|
pyramidale
Wertstruktur: Leistung als Spitzenwert |
übermäßige
Außenorientierung statt Innenorientierung |
Genannt wurden diese 8
Persönlichkeitstendenzen, weil sie in wissenschaftlichen
Aufsätzen in Zusammenhang mit Stress und Burnout immer
wieder genannt werden. Die Liste erhebt keinen Anspruch
auf Vollständigkeit.
Perfektionismus
Für den Perfektionist ist keine Arbeit
gut genug. Das eigene Verhalten, aber auch andere
Menschen werden nach strengen Wertmaßstäben beurteilt.
Der Perfektionist entdeckt schnell Fehler und Mängel. Er
regt sich schnell auf, wenn sein Ordnungssystem für die
Welt durcheinander gerät. Unerledigte
Beziehungsangelegenheiten, ungelöste Konflikte kann ein
Persektionist schwer aushalten. Nur wenn "alles in
Ordnung" ist, kann er/sie sich entspannen. - Daher
entsteht für die Perfektionistin schnell Stress, wenn
die Verdichtung der Arbeit eine "perfekte" Arbeit nicht
zulassen. Kritik von außen führt zu nachhaltiger
Beunruhigung, das Abschalten fällt schwer.
Pessimistische Sicht des Lebens
Sie ist für Menschen mit depressiver
Persönlichkeitsstrukur charakteristisch. Besonders in
unsicheren und unklar strukturierten Arbeitssituationen
gerät ein pessimistischer Mensch in Stress und Unruhe:
Schnell stellen sich diese Gedanken ein: "Die
Auftragslage wird sich verschlechtern" - "Ich könnte
meinen Arbeitsplatz verlieren" - "Ich werde die vielen
Arbeitsaufträge in dieser Woche nicht schaffen" ... usw.
Betriebliche Umstrukturierungen lösen bei diesen
Menschen erhebliche Besorgnis aus, hierdurch wird die
Arbeit als zunehmend belastend erlebt.
Geringens Selbstwertgefühl
Menschen mit geringem Selbstwertgefühl
fühlen sich niemals "gut genug", sie müssen es anderen
auch in der Arbeit durch Leistung immer wieder beweisen,
dass sie etwas Wert sind. Ihnen fehlt ein primäres
Lebenswertgefühl, d.h. sie spüren nicht, dass sie "an
sich" und unabhängig von Leistung etwas wert sind.
Deshalb neigen sie dazu, sich in der Arbeit zu
verausgaben. Zu diesem Persönlichlichkeitstyp zählen
Menschen mit dem "Helfersyndrom".
Übermäßiges Kontrollverlangen
Dieser Persönlichkeitszug zeichnet
sich durch mangelndes Vertrauen in die Verlässlichkeit
anderer Menschen aus. Auch in der Arbeit wird viel
kontrolliert, was seelische Energie kostet. Menschen mit
dieser Tendenz fällt es schwer zu delegieren und
loszulassen. Besonders Führungskräfte mit dieser
Persönlichkeitstendenz sind burnout-gefährdet.
Typ A Persönlichkeit
Das Kontrollverlangen zeichnet auch
Typ A - Persönlichkeiten aus. Dieser Typ ist in
wissenschaftlichen Studien immer wieder untersucht
worden. Charakteristisch ist ein hohes Engagement in der
Arbeit, dieser Typ ist wettbewerbsorientiert,
ungeduldig, latent aggressiv. Menschen dieses Typus
sollen nicht nur burnout-gefährdet sein, weil auch sie
dazu neigen, sich zu verausgaben. Sie sollen besonders
anfällig für koronare Herzerkrankungen sein.
|
Pyramidale Wertstruktur
Wenn Sie sich nur mit einem Spitzenwert als Lebenssinn
identifizieren, andere Werte aber wenig Bedeutung haben, besitzen Sie
eine pyramidale Wertstruktur. In unserer Gesellschaft ist für
viele Menschen die Leistung ein Spitzenwert. Andere Werte wie
Kreativität, Solidarität, Liebe, Kinder, Genuss, Spiritualität etc.
ordnen sie diesem Leistungswert unter. Häufig sind es erfolgreiche
Manager, die nur ihre Arbeit und Firma lieben. Berufstätige mit dieser
pyramidalen Wertestruktur erleben leichter Verlustängste und
Depressionen. Wenn sich betriebliche Strukturen ändern, z. B. die
Sicherheit des Arbeitsplatzes bedroht ist, können Menschen, die sich
allein mit der Arbeit als Sitzenwert identifizieren, schneller mit
Stress und langfristig eher mit Burnout reagieren.
Übermäßige
Außenorientierung statt Innenorientierung
Es war der große
Tiefenpsychologe Carl Gustav
Jung, der diese Unterscheidung vornahm. Nach
Jung`scher Psychologie ist der Mensch bis
zur Lebensmitte eher außenorientiert, der
äußeren sichtbaren Welt zugewandt. Diese
Lebensorientierung nach außen ist bis zur
Lebensmitte sinnvoll, weil es darum geht,
sich eine berufliche Existenz aufzubauen,
ebenso soziale Beziehungen und eine Familie.
Der Mensch nach der Lebensmitte wendet sich
nach C. G. Jung dann stärker dem Inneren der
eigenen Person zu, wird sensibel für Träume
und für Fragen nach dem tieferen Sinn des
Lebens. Innenorientierung zum Beispiel über
den Weg der Meditation und Imagination ist
deshalb eine gesunde Lebensorientierung,
weil hierdurch innere persönliche Wurzeln
und seelische Kräfte wachsen können, die
widerstandsfähig gegen die Widrigkeiten und
Stürme des Schicksals machen.
Innenorientierung fördert Ruhe und
Gelassenheit, auch eine hoffnungsvolle Sicht
des Lebens bei beruflichen Belastungen und
Unsicherheit. Umgekehrt fehlt übermäßig
außenorientierten Menschen die innere
Stabilität und "Ruhe in sich selbst", um in
ernsthaften beruflichen Belastungen mit
Gelassenheit zu reagieren. Je größer der
berufliche Stress ist, um so wichtiger ist
es, sich Freiräume zu schaffen, um Zeit für
sich selbst zu haben, um sich der Innenwelt
zuzuwenden und seelisch aufzutanken. |
|
Arbeitssucht
Menschen mit den hier beschriebenen
Persönlichkeitstendenzen sind gefährdet, arbeitssüchtig
zu werden. Für den Psychotherapeuten Werner Gross steht
fest, dass "Arbeit im klinischen Sinn süchtig machen
kann, mit dramatischen Folgen für die Betroffenen und
deren Angehörige." (Seite 77 ff., siehe Literaturangabe
unten!) D.h. Arbeitssucht steht auf derselben Ebene wie
Spielsucht und andere Suchten und muss als krankhaft und
behandlungsbedürftig eingestuft werden! Arbeitssüchtige
arbeiten nicht nur unmäßig, sondern auch hektisch und
verkrampft, Sie sind ungeduldig und überpünktlich. Sie
frönen einem falsch verstandenen Perfektionismus. Sie
können nicht delegieren. Andere etwas tun zu lassen,
bedeutet für sie, die Kontrolle zu verlieren, und
Kontrolle ist für den Arbeitssüchtigen lebensnotwendig.
Arbeitssüchtige flüchten vor privaten Problemen.
Arbeitssüchtige empfinden eine innere Leere, ein Loch in
ihrer Seele. Sie betäuben sich durch Arbeit und
erkämpfen sich ihren Lebenssinn durch ständige Arbeit.
(vgl. Werner Gross, Seite 83 !)
2. Betriebstrukturen, Kommunikation
und Burnout
Wenn wir herausfinden wollen, in
welcher Weise die Arbeitsstrukturen einen Einfluss auf
die Entwicklung von Burnout haben, müssen wir fragen,
welche Bedürfnisse und Motive Menschen haben. Wir gehen
davon aus, dass in vielen Betrieben Menschen deshalb
unter Burnout leiden, weil durch die Betriebsstrukturen
wichtige Bedürfnisse unerfüllt bleiben, so dass
Arbeitnehmer immer wieder frustriert sind.
Wichtige Bedürfnisse
sind entsprechend der
Bedürfnispyramide
nach A. Maslow:
 |
a) Physiologische
Grundbedürfnisse, unter anderem nach
Bewegung, Anregung, Ruhe und Erholung
b) Sicherheitsbedürfniss: nach
Stabilität, Zuverlässigkeit, Regeln, Schutz
des Arbeitsplatzes
c)Bedürfnis nach sozialem Kontakt
und Kommunikation, nach Zuneigung, nach Zugehörigkeit zu
einer Gruppe
d) Bedürfnis nach Respekt, nach
Anerkennung erbrachter Leistungen, nach Status, nach
Wertschätzung der Person
e) Die sogenannten "Wachstumsbedürfnisse"
stehen an der Spitze der Pyramide: Sie umfassen das Bedürfniss nach
Selbstverwirklichung, nach Gestaltung der Lebens- und Arbeitsumwelt,
Bedürfnis nach Autonomie.
|
d) Der Begründer der Logotherapie, Viktor E.
Frankl, hatte diese Bedürfnispyramide Maslows als unvollständig kritisiert,
weil das zentralste menschlich Streben in diesem Modell unterbewertet sei:
Das
Streben nach Sinn - ein geistiges Motiv. Das Streben nach einem durch
Sinn erfüllten Lebens bestimmt den Menschen in allen Lebensbereichen,
besonders auch in der Arbeitswelt. Daher haben Logotherapeuten den Satz
geprägt: "Wer Leistung fordert, muss Sinn bieten".
Wenn in einem Unternehmen die hier aufgezählten
Bedürfnisse in hohem Maße frustriert werden, entstehen Unzufriedenheit,
Stress, der Krankenstand steigt.
Beispiel: Eine junge Frau, die in
einer Zeitarbeitsfirma für nur 6 Euro Stundenlohn arbeitete berichtete mir
verzweifelt: "Ich werde von meiner Zeitsarbeitsfirma jede Woche in ein
anderes Unternehmen geschickt. Soziale Kontakte kann ich daher nicht
aufbauen. Ich muss häufig lange Fahrwege auf mich nehmen und bin ständig
müde. In den Unternehmen, in denen ich arbeite, sind wir als Angestellte der
Zeitarbeitsfirma Menschen zweiter Klasse, wir gehören nicht dazu, erhalten
auch selten die Arbeitskleidung einer Firma. Als einmal eine Maschine
ausfiel, kam der Werkstattleiter zu mir und teilte mir mit, so lange die
Maschine kaputt sei, könne ich keinen Lohn erhalten." - (Dieser Fall ist
nicht konstruiert!)
Diese junge Frau erlebte, dass mit ihr rücksichtslos wie
mit einer billigen Ware, einem Objekt, umgegangen wurde. Zentrale
Bedürfnisse nach Erholung, nach kollegialen Beziehungen, nach Respekt und
würdevollem Umgang wurden dauerhaft verletzt. Als besonders verletzend
erlebte sie das zynische Verhalten des Werkstattleiters, ihr vorübergehend
keinen Lohn zu zahlen. Solche Erfahrungen gefährden in hohem Maße die
Gesundheit und bringen die Gefahr von Depression und Burnout, wenn man
dieser Situation längere Zeit hilflos ausgeliefert ist.
Aus der Bedürfnispyramide können wir unmittelbar ableiten,
welche Bedingungen in einem Unternehmen Unzufriedenheit, Stress und Burnout
fördern. Umgekehrt kann die Bedürfnispyramide Impulse für die
Unternehmensführung geben, wie die Kommunikation und Arbeitsstrukturen
gestaltet werden sollten, damit die Zufriedenheit und seelísche Gesundheit
der Arbeitnehmer gefördert werden.
|
Stress und Burnout fördernde
Arbeitsbedingungen |
Welche
zentralen Bedürfnisse werden frustriert? |
| Pessimismus der
Unternehmensleitung, wodurch die Sorge um die Zukunft des
Unternehmensgeschürt wird |
Sicherheitsbedürfnis, Schutz des Arbeit,
Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Stabilität |
| Zu geringe, späte und
willkürliche Information und Kommunikation über Veränderungen im
Betrieb |
Bedürfnisse nach Wertschätzung und
Zuverlässigkeit |
| Die Unternehmensleitung trifft
autoritäre Entscheidungen, ohne die Mitarbeiter einzubeziehen |
Bedürfnisse nach Wertschätzung, Respekt und
Selbstbestimmung |
| Ständig werden Überstunden ohne
rechtzeitigen Freizeitausgleich gefordert |
Ruhe und Erholung |
| Mitarbeiter werden ungleich
behandelt, eine Mitarbeiterin wird bevorzugt, eine andere ohne
Grund benachtteiligt oder übergangen |
Bedürfnisse nach Respekt, Fairness,
Gerechtigkeit, nach Regeln |
| Die Unternehmensleitung oder
Vorgesetzten nehmen an wichtigen Sitzungen nicht teil |
Bedürfnisse nach Kommunikation und
Wertschätzung |
| Der/die Vorgesetzte hat
keine persönliche Ausstrahlung und Überzeugungskraft, wirkt
unsicher, man kann ihm/ihr nicht vertrauen, Führungsschwäche |
Sicherheitsbedürfnis: Es entstehen Zweifel,
ob der Chef die Kompetenzen hat, die Abteilung oder das
Unternehmen zum Wohle der Belegschaft zu führen |
| Egozentrische, egoistische oder
narzisstische Persönlichkeit des Vorgesetzen: Er/sie stellt sich
in der Öffentlichkeit immer in den Mittelpunkt, die von der
ganzen Abteilung oder Belegschaft erbrachten Leistungen treten
in den Hintergund, er/sie kann eigene Fehler nicht eingestehen |
Bedürfnisse nach Wertschätzung und Respekt
vor jeder/jedem Arbeitnehmer/in und seiner/ihrer Leistung,
Bedürfniss nach Gerechtigkeit |
| Die Arbeit ist immer gleich, ist
monoton, bietet wenig Möglichkeiten für eigene Gestaltung,
Entscheidungen und Kreativität |
Wachstumsbedürfnisse, Streben nach
Sinnverwirklichung |
Von größter Bedeutung für das Wohlbefinden in der Arbeit
und die Verhinderung von Burnout sind die sozialen Beziehungen. Besonders
wenn die Arbeit selbst monoton ist, keine Herausforderungen bietet, kaum
Spielräume für persönliche Gestaltung und für Sinnerfahrung bietet, müssen
die sozialen Beziehungen und die Kommunikation im Betrieb gut sein. Es
sollte Vertrauen herrschen. Konflikte sollten schnell gelöst werden können.
Dann kann man gern zur Arbeit gehen, selbst wenn jeden Tag das gleiche zu
tun ist. Bei guter Kommunikation im Betrieb werden große Belastungen und
Überstunden gut ertragen.
Die Rolle des Chefs muss unter diesem Aspekt besonders
beleuchtet werden. Es wird meist unterschätzt, welche große psychologische
Bedeutung und psychologische Macht ein Vorgesetzer für den einzelnen
Arbeitnehmer haben kann. Der Chef oder die Chefin kann ein "Übervater" oder
eine "Übermutter" sein. Aus tiefenpsychologischer Sicht können auf diesen
"Übervater" unbewusst kindliche konflikthafte Beziehungen mit den
eigenen Eltern aus der Familiengeschichte übertragen werden. Daher reagieren
Arbeitnehmer/innen besonders sensibel und mit starken Emotionen, wenn sie
vom Chef ungerecht behandelt, übergangen, kritisiert oder in irgendeiner
anderen Weise verletzt werden. Ungelöste Konflikte mit dem Vorgesetzten
rufen kurzfristig Enttäuschung, Wut und Aggressionen hervor. Kommen sie
immer wieder vor, oder bleibt ein schwerer Konflikt ungelöst, kann das zu
Verbitterung, Resignation, depressiven Reaktionen, innerer Kündigung und
Burnout führen. Diese Gefahr ist umso größer, je niedriger das
Selbstwertgefühl des Arbeitnehmers ist.
Zu welche Maßnahmen gegen Burnout sollten Unternehmen
sich entscheiden?
1. Genügend Zeit für Erholung bieten,
frühzeitiger Freizeitausgleich nach Überstunden,
Ruheräume für die Mittagszeit anbieten
2. Kleine Organisationseinheiten
schaffen, in denen viel Kommunikation und
Mitentscheidung über Arbeitsprozesse möglich sind
3. Verantwortung auf möglichst viele
delegieren
4. Unternehmensziele transparent
machen und frühzeitig immer wieder kommunizieren und
begründen
5. Sport und Gesundheitsschulungen im
Unternehmen fördern das soziale Klima und senken den
Krankenstand
6. Führungskräfte sorgfältig
aussuchen! Die menschlichen Qualifikationen und "soft
skills" sollten wichtige Auswahlkriterien sein. Die
Ehrgeizigen sind nicht immer die besten Führungskräfte.
7. Weiterbildung aller Mitarbeiter und
die psychologische Weiterbildung der Führungskräfte, z .
B. durch NLP, fördern
8. Auf die Einstellung von
Leiharbeitern verzichten, stattdessen mehr Mitarbeiter
-ggf. auf Zeit- selbst einstellen! Die Mitarbeiter/innen
einer Stammbelegschaft sind die motiviertesten!
Lesen Sie weiter:
Literaturempfehlung zu Burnout:
Werner Gross: "... aber nicht um jeden Preis".
Karriere und Lebensglück, Kreuz Verlag 2010
Homepage in
Englisch

© 2010 Dipl-Päd. Jürgen Bendszus, HP für
Psychotherapie